Offener Brief an Samuel Koch

Lieber Samuel Koch,

schon in den ersten Verlautbarungen zu diesem Unfall haben Sie sich schuldig bekannt. Immer wieder haben Sie etwas von Dummheiten erzählte, die sie begangen haben sollen. Ja, als dummer Jungen-Streich, lässt sich das der Öffentlichkeit gut verkaufen - und alle sind zufrieden. Die einen Verrückten fliegen in Hochhäuser, der andere Verrückte springt halt freiwillig vor´s Auto. Bumms, aus, fertig.

Und bis heute stecken Sie die Prügel dafür ein, dass Sie angeblich Schuld auf sich geladen hätten. Unnötigerweise, wie die folgenden Zeilen belegen, die ich Ihnen als Sportwissenschaftler zurufen möchte.
Grobform, Feinform, Feinstform - so oder, je nach Autor so ähnlich, nennt man die Fertigkeits-/Könnens-Stufen in der Trainingslehre.
Die Grobform ist dann gegeben, wenn eine Bewegung in Ansätzen ausgeführt werden kann. Vielleicht ist der Ablauf noch langsamer, oder es braucht einer Hilfestellung... oder sonst besonderer Bedingungen, damit sie gelingt.
Die Feinform ist gegeben, wenn die Bewegung schon vollständig und im richtigen Tempo ausgeführt werden kann, der Ablauf aber noch nicht so stabil ist, dass Störungen, z.B. in Form von äußeren Einflüssen wie einem Publikum oder einer Wettkampfsituation zu einem Fehlversuch führen können.
Die Feinstform ist also nur dann gegeben, wenn ein Bewegungsablauf quasi immer gelingt, wenn´s prinzipiell möglich ist.

Zur Feinstform passt nicht, wenn eine Übung 1 Tag vor einer Aufführung nur "immer öfter" funktioniert und offensichtlich noch dramatische Stürze stattfinden.

Ingenieure stellen solche Fragen ... nicht. Deshalb hat ein Gutachten, das an den falschen Stellen sucht, selbstverständlich ein für das ZDFschuld-befreiendes Ergebnis gebracht. Ich kenne die Fach-Personen Ihres Umfeldes nicht, doch ist allgemein festzustellen, dass Fachpersonen, die Ihr Training geleitet haben, und Sie nicht auf die psychologischen Besonderheiten der motorischen Leistungsstufen aufmerksam gemacht haben; Fachpersonen, die den Stand Ihrer Fähigkeiten falsch eingeschätzt haben; Fachpersonen, die selbst die einfachsten Möglichkeiten zur Hilfestellung (beispielsweise in Form von Markierungen auf dem Boden) ungenutzt ließen; Fachpersonen, die Ihnen nicht klipp und klar abgeraten haben, die Herausforderung auf den gegebenen Voraussetzungen anzunehmen, ... zweifellos fahrlässig gehandelt haben. Auch die Glaubwürdigkeit des biomechanischen Gutachtens ist dünn, weil sie ja am Tag zuvor bereits berichtet haben, dass es im Fall einer Berührung mit dem Fahrzeug zu einem "Doppelsalto" kommt. Insofern konnte ein Mechaniker vorher feststellen, dass die Matte zu dünn war, um die gegebenenfalls auftretenden Kräfte abzufangen. Das nicht zu tun, ist keine Verkettung unglücklicher Umstände, sondern Schlamperei.

Sie sind vielleicht nicht komplett aus der Verantwortung zu nehmen, weil Sie sicher vorher schon mal in einem Turn- oder Trampolinzentrum gewesen sind. Wie dick die dort liegenden Matten sind, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, wieviele Hilfestellungen angeboten und bis zum Erreichen der Feinstform auch dringend angeraten werden. All das ist Ihnen bekannt, aber halt nicht nur Ihnen allein, sondern vor allem denjenigen, die diesen Versuchsaufbau geplant haben. Und die halten sich erstaunlich weit im Hintergrund, haben sich mit einer Mini-Unfallversicherung in Höhe von 100.000€, die das ZDF mit einem Beitrag von ?50€/Jahr? finanziert hatte, davon gestohlen. Ihnen, lieber Herr Koch widerfährt Unrecht, gegen das Sie vorgehen sollten, anstatt sich immer wieder selbst an den Pranger zu stellen.

Und all denjenigen, die Sie für die Übernahme von Schuld beschimpfen sei gesagt, dass der Samuel Koch ein feiner Kerl ist.

Herzlichen Gruß

Bernhard Breskewiz
Diplom Sportwissenschaftler